Ottmar Leyrer
Landwirt und Tierwirtschaftsmeister sowie Leiter des Bereichs Wiederkäuer am Standort Lindenhöfe der Versuchsstation Agrarwissenschaften
Herr Leyrer, bei einem Arbeitsplatz an der Universität denken die meisten von uns wohl zuerst an ein Büro, Computer, an Hörsäle oder an Laborarbeit in weißem Kittel. Wie sieht ihr Arbeitsplatz aus und welche Aufgaben erfüllen Sie an der Universität Hohenheim?
Mein Arbeitsplatz, an dem ich seit 1984 im Einsatz bin, hat viele Gesichter. Zu meinen Aufgaben im Stall, auf der Weide und im Büro gehört die Pflege und Versorgung der Versuchstiere sowie die Mitarbeit bei aktuellen Forschungsprojekten. Ich arbeite dabei an der Datenerfassung mit. Im aktuellen Forschungsprojekt „SheepR3“ werden beispielsweise regelmäßig junge Lämmer auf Innenparasiten untersucht.
Ich sehe mich bei meiner Arbeit als Bindeglied zwischen Forschung und landwirtschaftlicher Praxis, d.h. meine Aufgaben liegen auch im Bereich des Transfers, sowohl von den Höfen nach Hohenheim als auch beispielweise mit den professionellen baden-württembergischen Schäfereien, mit denen wir über den Landesschafzuchtverband sehr gut vernetzt sind.
Für die Uni Hohenheim ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema. Es geht um einen nachhaltigen Betrieb, Lehrangebote zur ökologischen Transformation, aber genauso auch um den schon angesprochenen Transfer von Forschungsergebnissen in die Gesellschaft. In diesem Fall um Impulse, die eine nachhaltige Entwicklung voranbringen. Wo sehen Sie in Ihrer täglichen Arbeit Anknüpfungspunkte zum Thema Nachhaltigkeit?
Natürlich in der Forschungstätigkeit in erster Linie, unter anderem in dem schon erwähnten aktuelle Forschungsprojekt. In diesem wird versucht, über einen züchterischen Ansatz die Resistenz und Resilienz von Schafen gegenüber Innenparasiten, in diesem Fall Würmer, zu verbessern. Wenn das gelingt, braucht man weniger Arzneimittel. Das schont den Geldbeutel der Tierhalter und ebenso die Umwelt. Denn Rückstände aus den Medikamenten, z. B. Wurmkuren, landen letztlich im Schafskot und können sich beispielsweise negativ auf Insekten auswirken, die auf tierische Hinterlassenschaften angewiesen sind.
Auf dem oberen Lindenhof haben wir insgesamt rund 300 Mutterschafe und ihre Nachzucht, also Lämmer. Diese Tiere arbeiten hier neben ihrer „Tätigkeit als Versuchstiere“ auch an der Offenhaltung der Kulturlandschaft hier oben auf der Schwäbischen Alb mit. Diese Region der Grenzertragslandwirtschaft ist prädestiniert für die Schafhaltung. Es laufen hierzu auf Flächen des oberen Lindenhofs auch Langzeit-Parzellenversuche mit unterschiedlichen Flächenbewirtschaftungsformen. Auf diesen wird auch die Leistung von Schafen für die Kulturlandschaftserhaltung und -bewirtschaftung untersucht.
Unsere Forschung und Tierhaltung ist hier also eingebettet in die regionale Kulturlandschaft dieser traditionellen Grünland- und Schafregion. Das hat auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun. Dazu zählt beispielsweise auch, dass wir mit kurzen Transportwegen arbeiten, zum Beispiel werden unsere Schlachtlämmer von einem regionalen Schäfer in Münsingen vermarktet.
Gibt es noch weitere positive Auswirkungen von Forschungsprojekten im Bereich der Schafhaltung, die Sie in den vergangenen Jahren begleitet haben und hier nennen möchten?
Zu SheepR3 gab es schon mehrere „Vorversuche“, deren Ergebnisse allesamt von der Praxis mit Interesse aufgenommen wurden. Ganz interessant fand ich auch ein Projekt zum „Schwanz kupieren“ bei Merinoschafen, dessen Ergebnisse hoffentlich im Tierschutzgesetzt seine Anwendung findet.
Wie sehen für Sie berufliche Erfolgsmomente in Ihrer Arbeit aus? Fällt Ihnen eine Situation ein, in der Sie das Gefühl hatten, richtig „vorangekommen“ zu sein, evtl. sogar mit Blick auf Nachhaltigkeit?
Wenn es „meinen“ Tieren gut geht und z.B. eine Ablammung mit einigen Nachtschichten im Stall mit vielen gesunden und vitalen Lämmern belohnt wird.
Welche Fragen und Themen sind aus Ihrer Sicht in Ihrem Arbeitsumfeld am Standort Oberer Lindenhof besonders wichtig, wenn wir über eine „nachhaltigere Universität“ sprechen?
Dazu gehören für mich Forschungsvorhaben mit dem Ziel der Ressourcenschonung von Boden, Wasser und Luft und der Verringerung von Immissionen. Hier sind meiner Meinung nach die Forschenden im Pflanzenbau genauso gefordert wie die im tierischen Bereich.
Eine nachhaltige Universität sollte aber auch die energetische Sanierung ihrer Gebäude nicht aus den Augen verlieren! Ich finde es schade, dass ich Ihnen auf dem oberen Lindenhof keine einzige PV-Anlage zeigen kann.
Zum Schluss: Welche Möglichkeiten haben Studierende der Universität, um während ihres Studiums auch mal an diesen schönen Ort zu kommen, auch wenn man nicht Agrarwissenschaften studiert?
Es sind immer wieder Exkursionen zu den Lindenhöfen im Angebot der Hohenheimer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Außerdem ist der obere Lindenhof frei zu Fuß oder mit dem Rad zugänglich. Wenn der Schäfer gut aufgelegt ist, besteht auch die Chance, in den Stall zu schauen (*lacht*).
Vielen Dank für das Gespräch!
April 2026