Prof. Dr. Simon Hammann
Fachgebietsleitung Lebensmittelchemie und Analytische Chemie
Sie leiten seit 2024 das Fachgebiet Lebensmittelchemie und Analytische Chemie an der Universität Hohenheim. Das klingt nach viel Arbeit im Labor. Um was geht es dabei in Ihrer Forschung und Lehre?
In der Lehre bin ich vor allem im Bachelor und Master Lebensmittelchemie eingebunden, wo wir Vorlesungen, Seminare/Übungen und Laborpraktika anbieten, aber auch in anderen Studiengängen der Fakultät N. Meine Forschung beschäftigt sich mit den Lipiden, also den Fetten und Ölen, in Lebensmitteln. Diese können bei Lagerung und Verarbeitung von Lebensmitteln reagieren und sich strukturell verändern. Wir interessieren uns dafür, was dabei entsteht, und wie sich das auf die Sicherheit und Qualität der Lebensmittel auswirkt. Daneben beschäftigen wir uns mit Fragen der Authentizität von Lebensmitteln, also ob das auch wirklich extra natives Olivenöl oder Bio-Lachs ist, und der Rekonstruktion vergangener Ernährungsgewohnheiten. Das findet tatsächlich zum größten Teil im Labor statt.
Gibt es bei ihrer Forschungsarbeit auch Berührungspunkte zum Thema Nachhaltigkeit? Und welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Thema „Green Lab“, also die Art und Weise, wie geforscht wird, für Arbeitsprozesse, wie sie beispielsweise in Ihrem Team stattfinden?
Unsere Forschung beschäftigt sich (auch) damit, die Qualität von Lebensmitteln zu erhalten und so aus den begrenzten Rohstoffen das meiste rauszuholen. Da sind Nachhaltigkeitsgedanken auch ein wichtiger Antrieb. Ansonsten gibt es im Laboralltag auch aus praktischer Sicht gute Gründe für Nachhaltigkeit. Wir führen Inventarlisten für unsere Chemikalien, um Überschuss zu verhindern und versuchen bei allen Prozessen, den Verbrauch von Chemikalien gering zu halten. Diese sind ja unter Einsatz von viel Energie und (fossilen) Rohstoffen generiert und transportiert worden. Ebenso wollen wir bei den Analysengeräten den Verbrauch an hochreinen Lösungsmitteln und Gasen minimieren. Das alles trägt zur Nachhaltigkeit bei, ist aber auch notwendig und vernünftig aus finanziellen Gründen. Nachhaltigkeit ist somit auch ökonomische Logik. Generell verwenden wir hauptsächlich wiederverwendbare Glasgeräte statt single-use Plastik. Darüber hinaus teilen wir Ressourcen innerhalb des Instituts und darüber hinaus, oder greifen auf die Möglichkeiten zentralen Core Facility zurück.
In welchen Bereichen gibt es Ihrer Einschätzung nach noch besonders viel Luft nach oben an unserer Universität, was nachhaltigere Forschungsprozesse angeht?
Labore sind aufwändig und teuer im Betrieb. Leistungsstarke Lüftung und ständiger Luftwechsel, Klimatisierung, Kühlgeräte und Öfen, Reinstgase, die Liste lässt sich fortsetzen. Labore werden immer einen großen Ressourcenverbrauch haben, aber das heißt nicht, dass man da gar nichts machen kann und den Ressourceneinsatz zumindest reduzieren kann. Jede Abzugsscheibe, die ordentlich geschlossen ist, spart Strom. Jedes gut geplant und skalierte Experiment spart Lösungsmittel. Hier kann man m.E. noch mehr Bewusstsein schaffen, wie durch kleine Gewohnheitsänderungen merkliche Einsparungen erreicht werden können, möglichst quantifizierbar.
Welches sind aus ihrer Sicht wichtige „Knackpunkte“, die die Umsetzung von mehr Nachhaltigkeit im Laborbetrieb erschweren – und ist Ihnen persönlich ein positives Beispiel begegnet, das zeigt, was möglich ist?
Im Labor etablierte Verfahren umzustellen ist oft aufwändig und kompliziert. Das ist auch bei der Umstellung auf nachhaltigere Alternativen so. Es stellt sich unter anderem die Frage, ob die Ergebnisse noch vergleichbar mit den Ergebnissen mit der alten Methode sind. Kompromisse zugunsten der Nachhaltigkeit einzugehen (etwa bei Lagertemperaturen, -70 °C statt -80°C) birgt das Risiko, doch etwas zu übersehen, weswegen am Ende die wissenschaftliche Qualität leidet. Bei spezialisierten Geräten gibt es oftmals nur einen oder wenige Anbieter, sodass Nachhaltigkeit bei der Beschaffung kaum eine Rolle spielen kann.
Ebenso ist in vielen Fällen die Umsetzung nicht völlig eigenverantwortlich möglich, sondern es braucht zusätzliche Absprachen, etwa wenn bauliche Änderungen notwendig sind. Es muss auch grundsätzlich Kapazität zur Umsetzung vorhanden sein. Im Alltag gibt es genug mit Lehre, Forschung und Promotionsfortschritt zu tun, das Thema kommt dann eben noch on-top. Am Ende ist es aber auch eine Geldfrage: Ersparnisse, etwa bei geringerem Stromverbrauch sind abstrakt und nicht unmittelbar sichtbar. Ebenso lohnt es sich nur begrenzt finanziell: Als Fachgebiet zahle ich nicht den Strom, aber das neue, sparsamere Gerät.
Ich sehe aber, dass sich viele schon damit beschäftigen, Maßnahmen umgesetzt werden (beispielsweise mit Hilfe der SPARKHUB-Plattform), und es zum Austausch kommt. Geräte und Infrastruktur werden geteilt, um unnötige Anschaffungen zu verhindern.
Sie sind Mitglied im Green Board, das die Universität strategisch dabei begleitet, Nachhaltigkeitsaspekte in der gesamten Hochschule zu verankern. Was hat sie dazu bewogen, in diesem Gremium mitzumachen?
Ich habe das Thema auch schon an meinen früheren Stationen als Postdoktorand und Juniorprofessor begleitet. Ich finde es sehr spannend, den laufenden Prozess zu sehen, wie die Universität nachhaltiger werden möchte und finde es ein Privileg, in solchen Gremien vertreten zu sein. Ich finde es auch wichtig, dass die Naturwissenschaften und Labornutzer:innen im Gremium vertreten sind, und ich da meine Perspektive einbringen kann.
Wenn Sie sich die Uni in 10 Jahren vorstellen: Woran würde man erkennen, dass die Universität nachhaltiger geworden ist, besonders in ihren Laboren?
Weniger Abfall, geringerer Stromverbrauch, mehr geteilte Ressourcen, weniger Altlasten. Erfolgreiche Zertifizierung. Nachhaltigkeit im Einklang mit Funktionalität bei Planung und Ertüchtigung von Laboren direkt mitberücksichtigt.
Vielen Dank für das Gespräch!
April 2026