Dr. Helmut Dalitz und Dr. Robert Gliniars
Wissenschaftliche Leiter bzw. Kustos der Hohenheimer Gärten
Die Hohenheimer Gärten sind eine wichtige zentrale wissenschaftliche Einrichtung unserer Universität. Sie prägen außerdem unseren Campus sehr eindrücklich. Was genau sind Ihre Aufgaben in den Gärten und wie sieht ihr Arbeitsalltag aus?
Dalitz: Lehre und Forschung sind die Pfeiler einer Universität. Wie kann Lehre und Forschung in den Gärten realisiert werden? An welchen Stellen gibt es Verbesserungsmöglichkeiten? Wie können wir die Schätze in den Gärten nutzen, um Menschen für die Erhaltung der Biodiversität zu sensibilisieren? Wie können wir die Gärten, insbesondere die alten Bäume, erhalten und die Gärten in Zeiten des Klimawandels bei schonender Nutzung von Ressourcen weiterentwickeln? Projekte und Antworten auf diese Fragen zu entwickeln, sind hauptsächlich Themen meiner täglichen Arbeit.
Gliniars: Ich bin Bindeglied zwischen Wissenschaftlern und Gärtnern. Meine wissenschaftlichen Themen betreffen Forschung zum Klimawandel, wie das Projekt Zukunftsbäume und das Projekt Tree Sense. Dazu kommen botanische Kartierprojekte und Arbeiten zu gefährdeten Pflanzenarten und Habitaten in der Region. Hier angeschlossen ist die Ex-Situ-Erhaltung und die Wiederausbringung gefährdeter Pflanzenarten im Rahmen des WIPs-Projektes. Weiter ist der Aufbau von Sammlungen zum Erhalt genetischen Pflanzenmaterials ein wichtiger Aspekt. In der Lehre geht es um die Weitergabe von Basiswissen zu Botanik und Pflanzensystematik, auch bei Exkursionen. In der Öffentlichkeitsarbeit bei Führungen und Publikationen repräsentiere ich die Gärten der Universität. Ich bin Ansprechpartner für viele Pflanzen- und Gartenliebhaber.
Was macht aus Ihrer Sicht die Hohenheimer Gärten so besonders – gerade auch mit Blick auf Ihre Aktivitäten in Forschung, Lehre und Transfer und vor dem Hintergrund einer nachhaltigen Entwicklung unsere Gesellschaft?
Dalitz: 250 Jahre Gartengeschichte zeigen, dass die Bewahrung des Alten immer verbunden ist mit Erneuerung und Pflege. In diesen 250 Jahren ist unglaublich Vieles geschehen. Die Gärten wurden wiederholt verändert und auch erweitert, das aktuelle Endprodukt können wir heute erleben. Die Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, prägen das Heute. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, werden unsere Zukunft prägen. Die Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Veränderung bzw. Anpassung kann Blaupause für gesellschaftliche und politische Entwicklungen sein.
Gliniars: Die Pflanzenvielfalt in den Gärten ist mit etwa 5500 Arten hoch und so findet sich das ganze Jahr über etwas Spannendes zum Studieren, was auch in unserer seit über 14 Jahren andauernden monatlichen Serie „Was blüht uns“ im HOnK zum Ausdruck kommt. Die zahlreichen Studenten, Schüler*innen und Besucher*innen auf die Wichtigkeit und Schönheit dieser gepflegten Natur hinzuweisen und zu begeistern ist besonders. Wir können aus dem Vollen schöpfen und so auf beeindruckende Weise den Fokus für die Verantwortung gegenüber der Natur nachhaltig schärfen.
Welches Ihrer verschiedenen Forschungsprojekte begeistert Sie besonders – und können Sie uns über ein aktuelles Forschungsprojekt im Nachhaltigkeitskontext noch etwas mehr erzählen?
Dalitz: In den letzten 10 Jahren haben sich das Temperaturregime und das Niederschlagsregime deutlich verschoben. Die Böden trocknen zu immer längeren Perioden während des Jahres immer tiefer aus. Wie passen wir die Gärten an diese Auswirkungen des Klimawandels an? Die Auswahl der Pflanzen muss sich ändern, aber auch die Frage, wie oft, wie viel und aus welchen Quellen wir Gärten weiter bewässern können und wollen. Neben der vorhandenen gärtnerischen Expertise erheben wir belastbare Daten, die es erlauben sollen, diese Fragen zu bewerten. Das Projekt TreeSense bietet uns die Möglichkeiten dazu: Sensoren, die elektrischen Widerstand messen, Drohnenbefliegungen mit Multispektralsensoren, die Auskunft über die photosynthetische Befindlichkeit der Pflanzen liefern und Wärmebilder, die uns Auskunft über die Temperaturen in der Krone geben, sind die Grundlage, auf der wir diesen Fragen nachgehen.
Die Hohenheimer Gärten sind auch ein wichtiger Teil des Campusbetriebs, ihre Bewirtschaftung benötigt Wasser, Strom, Erde usw. Gleichzeitig bietet die grüne Oase attraktive klimangepasste Aufenthaltsflächen oder beispielsweise sogenannte Retentionsfläche bei Starkregenereignissen. Welche Ansätze verfolgen Sie, um die Gärten möglichst „nachhaltig“ zu bewirtschaften – und welches sind aus Ihrer Sicht aktuell die größten Knackpunkte in diesem Bereich?
Dalitz: Große Wiesenflächen wie in der Vegetationsgeschichte, „Habitatbäume“ im Schlosspark, geringe Pflegemaßnahmen im Schlosspark, Vermeidung von übermäßiger Verdichtung, Sanierung von Gewässern und Teichen im Exotischen Garten und strukturelle Diversität von Habitatstrukturen zu schaffen, sind die Ansätze auch die Biodiversität zu stärken. Diese Maßnahmen kommen wiederum der Lehre, Forschung und Erholung zugute. Knackpunkte sind eine nicht ausreichende Personalausstattung, Hindernisse, bei Lösungen schneller voranzukommen, und teils mangelhafte Infrastruktur. Dies bindet Ressourcen und ist nicht nachhaltig.
Gliniars: Das Grün der Gärten vermittelt Lebensfreude und dient der Naherholung. Besonders am Herzen liegt der Erhalt unserer alten Baumveteranen, jeder einzelne wieder ein Habitat für viele Lebewesen. Mit den zunehmenden Hitze- und Trockenperioden stehen wir vor großen Herausforderungen. Wir versuchen besonders unsere alten Bäume zu stärken, mit Mykorrhiza zu impfen und effizient zu bewässern. Beim Bewässern versuchen wir da, wo es schon geht mit Zeitschaltuhren bzw. auch Tröpfchenbewässerung zu arbeiten. Gleichzeitig halten wir Ausschau nach neuen Baumarten, die an das zukünftige Klima angepasst sind. Unser 2014 erbautes Sammlungsgewächshaus ist nachhaltig gestaltet, an anderen Stellen kann weiter optimiert werden.
Zuletzt würden wir gerne noch mehr über Ihre Aktivitäten im Bereich Lehre erfahren. Welches ist eines ihrer Lieblingsformate, in dem Studierende mit den Hohenheimer Gärten in Berührung kommen können?
Dalitz: Vorlesungen, in Zusammenarbeit mit Prof. Schlüter, um Studierenden zu helfen, die Vielfalt der Pflanzen zu strukturieren, Prozesse und Entwicklungen der Evolution zu beleuchten und ganz praktisch, die dazugehörigen Pflanzen gemeinsam mit den Studierenden anzuschauen. Übungen mit Prof. Steppuhn mit Studierende die ganz praktische Arbeit der Erhebung von Pflanzenvielfalt zu üben und gleichzeitig einen wissenschaftlichen Versuch durchzuführen.
Gliniars: Am liebsten gehe ich mit Studenten raus in die Gärten und nutze unsere Flächen als lebendiges Lehrbuch der Botanik und Biodiversität. Zum einen liefern die von unseren Gärtnern hervorragend gepflegten Flächen und Pflanzen ideale Anschauungsobjekte, zum anderen ist auch die wildwachsende Botanik in Hohenheim nicht zu unterschätzen. In der von uns in diesem Jahr veröffentlichten „Flora von Hohenheim“ konnten über 1000 wildwachsende Pflanzenarten für Hohenheim dokumentiert werden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Juli 2026