Jun.-Prof. Dr. Laura Henn
Sie sind seit 2023 an der Universität Hohenheim Juniorprofessorin für Nachhaltiges Handeln und Wirtschaften. Das klingt erst mal nach einem sehr weiten Arbeitsfeld. Um welche Fragestellungen geht es konkret in Ihrer Forschung und Lehre?
Da geht es konkret um individuelles nachhaltiges Handeln und eine umweltpsychologische Perspektive darauf, wie man das erklären und auch verändern kann. Wir nutzen mentale Eigenschaften von Menschen (z.B. Einstellungen zu Nachhaltigkeit, Weltbilder, Denkmuster) und die Gestaltung von Handlungsumgebungen (d.h. äußere Einflüsse), um zu verstehen, wann sich wer nachhaltigkeitsförderlich oder eben nicht verhält. Besonders die Frage, wie man Menschen nachhaltig zu einer stärkeren Nachhaltigkeitsüberzeugung bewegen kann, beschäftigt uns.
Welche Ihrer Lehrveranstaltungen nennen Sie am liebsten als Beispiel für transformative Lehre für Nachhaltigkeit? Mit was beschäftigen sich die Studierenden in der Veranstaltung?
Eigentlich geht es mir in allen meinen Lehrveranstaltungen darum, dass die Studierenden – neben dem Erwerb von Fachwissen – auch ihr eigenes Handeln, ihr Wissen über nachhaltiges Verhalten und ihre zukünftigen Gestaltungsmöglichkeiten für eine Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft reflektieren. Denn zukünftige Change Maker müssen die Nachhaltigkeitsziele aus eigener Überzeugung vertreten, um mutig auch effektive Entscheidungen zu treffen.
In Ihrer Forschung und Lehre geht es also häufig um Einstellungen, Motivation und Verhalten. Warum fällt es Menschen oft schwer, nachhaltig zu handeln, obwohl sie die Herausforderungen des Klima- und Umweltschutzes kennen?
Das rationale Wissen reicht oft nicht aus, um Motivation zu entwickeln – dafür muss ich dem ganzen auch eine persönliche Bedeutung beimessen. Schwierig ist, dass häufig der eigene Einfluss auf andere Personen (z.B. in Familie und Freundeskreis) unterschätzt wird und dass viele Menschen nicht glauben, dass viele andere das Ziel eines nachhaltigeren Lebens und Wirtschaftens ebenso wichtig finden. Deshalb auch der Buchtipp oben ims Steckbrief. Das Buch ist wissenschaftlich aufgearbeitet, toll geschrieben und man gewinnt bei der Lektüre Zuversicht, dass Menschen das gegenseitige Wohlergehen im Blick haben und eigentlich die besten Voraussetzungen mitbringen, um große Herausforderungen gemeinsam zu lösen. Das Wesen des Menschen ist keineswegs kalt und egoistisch, sondern im Grunde gut – das ist auch mein Menschenbild. Würden wir uns gemeinsam mehr zutrauen und vertrauen, könnten wir viel mehr bewegen.
Wie erleben Sie die Universität Hohenheim, wenn es darum geht, in den eigenen Handlungsfeldern (Forschung, Lehre, Betrieb, Kultur, Strukturen) Nachhaltigkeit zu verankern und voranzutreiben? Begegnen Ihnen hierbei Themen oder Verhaltensweisen, bei denen Sie denken: „Das kenne ich aus meiner Forschung!“? Falls ja, verraten Sie uns ein Beispiel?
Ich erlebe die Uni Hohenheim als sehr glaubwürdig und ernsthaft engagiert. Es wurden engagierte Leute mit der richtigen Motivation mit der großen Aufgabe betraut, die Uni nachhaltiger zu machen. Wie in fast allen Bereichen gibt es auch an der Uni die (zutreffende) Wahrnehmung, dass die Verhältnisse es einem bisweilen schwer machen, zu handeln, etwa, wenn es um bürokratische Regeln oder bauliche Maßnahmen geht. Typisch finde ich aber auch, dass auf der anderen Seite manche „low-hanging fruits“ wie z.B. fleischfreies Catering bei Veranstaltungen noch nicht selbstverständlich umgesetzt werden – das wäre von einem auf den anderen Tag möglich und würde wichtige normative Signale senden.
Gibt es Dinge, bei denen Sie selbst vor dem Hintergrund Ihrer relativ „kurzen“ Zeit an der Uni sagen würden: „Hier verändert sich die Uni Hohenheim ganz konkret in Richtung Nachhaltigkeit“? Falls ja, welche sind das?
Toll ist, dass die Aktivitäten, von denen es vorher sicher auch schon viele gab, jetzt im Green Office zusammenlaufen, sichtbar werden und die gemeinsame Vision gemeinsam konkreter vorangetrieben wird. Das stärkt eine Kultur der Nachhaltigkeit, die dadurch noch stärker spürbar ist und den Beteiligten vermutlich eine größere Selbstwirksamkeit verleihen kann.
Wie Sie oben skizziert haben, beschäftigt sich Ihre Arbeit mit der Frage, wie nachhaltiges Verhalten gefördert werden kann. Welche Forschungsergebnisse dazu sollten wir uns an der Universität Hohenheim zu Herzen nehmen, um unsere Nachhaltigkeitsstrategie erfolgreich umzusetzen?
Wirkliche Veränderung kann man am besten durch eine echte Überzeugung erreichen. Menschen ändern ihr Verhalten dann dauerhaft und auf vielfältige Art und Weise, wenn sie persönlich überzeugt sind, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges Ziel ist. Die Universität als Ort, an dem wir viel Zeit des Tages verbringen und an der wir Einfluss auf viele Menschen haben, braucht solche überzeugten Menschen, die persönlich und beruflich ihre Gestaltungsmöglichkeiten hierfür nutzen.
Wenn Sie sofort fünf Nachhaltigkeitsprojekte auf dem Campus einfach und ohne Widerstände umsetzen könnten, welche wären das?
- In jedem Studiengang einen starken Nachhaltigkeitsbezug, der interdisziplinär gestaltet ist, damit Studierende die Uni Hohenheim nicht ohne ein umfassendes, multiperspektivisches Verständnis von nachhaltiger Entwicklung verlassen
- Alle Gebäude werden auf modernsten Energiestandard umgerüstet und es wird nur noch mit kreislauffähigen Materialien gebaut
- Die Mobilitätsanbindung nach Stuttgart und ins gesamte Umland wird so toll und bequem ausgebaut, dass niemand mehr mit dem eigenen Auto kommen muss oder will
- Studierende entwickeln über ihr Studium hinweg in interdisziplinären Teams innovative Lösungen für echte Probleme, die unsere Art zu wirtschaften und zu leben fundamental verändern, so dass sie im Rahmen der Planetaren Grenzen bleiben.
- Es gibt eine Woche im Jahr, in der sich alle Universitätsangehörigen treffen und ausschließlich weitere Schritte zur Nachhaltigkeit an der Uni entwickeln
Vielen Dank für das Gespräch!
Juli 2026